Tipp des Monats 

 

 

Kindheit mit psychisch belasteten und süchtigen Eltern

Kinderschutz durch interdisziplinäre Kooperation

Herausgeber: Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren e. V. Redaktion: Jasmin Hofmeister, Arthur Kröhnert Köln, 2011,
229 Seiten, 12,95 €
ISBN 978-3-9813043-2-9

 

Von psychischen und Verhaltensstörungen sind im Laufe ihres Lebens viele Menschen betroffen: u. a. Psychosen, Epilepsien, Lern- und Leistungsstörungen, hyperkinetische Störungen, emotionale Störungen, somatoforme Störungen, Störungen des Sozialverhaltens, Drogenabhängigkeit und Sucht oder Persönlichkeitsstörungen. Durch Prävention, Beratung, Therapie und Rehabilitation wird versucht, die Genese pathologischer Phänomene zu verhindern, einzugrenzen sowie Hilfestellungen bei der Bewältigung von Lebensanforderungen zu geben. Viel zu wenig ist in der Vergangenheit thematisiert worden, welche Probleme für Kinder entstehen können, wenn ihre Eltern psychische Auffälligkeiten zeigen. Große Unsicherheiten hinsichtlich eines adäquaten Handelns bestehen nach wie vor in der Jugendhilfepraxis, zumal hier nach Meinung von Experten eine Häufung von verschiedenartigen psychischen Störungsformen festzustellen ist (beispielsweise bei Sorgerechtsentscheidungen und Inobhutnahmen).

Es ist anzuerkennen, dass die 12 Autoren der vorliegenden Schrift, Sozialpädagogen/Sozialarbeiter, Psychologen und Therapeuten, sich praxisnah und verständlich mit der Lebenssituation der von Verhaltensauffälligkeiten tangierten Kinder und Jugendlichen befassen. Der große Umfang der zu lösenden Aufgaben wird nicht zuletzt durch den Hinweis auf schätzungsweise 500.000 Kinder unterstrichen, die in Deutschland bei einem psychotischen Elternteil leben (S. 209). Die einzelnen Beiträge informieren differenziert über unterschiedliche Aspekte der Beeinträchtigung des Erlebens und Verhaltens: Forschungsstand und -bedarf, die Rolle von Empathie und Therapie bei Kindern psychisch belasteter Eltern, Aufgaben und Leistungen des Jugendamtes, Beziehungserfahrungen von Säuglingen und Kleinstkindern, Schizophrenie und Elternschaft, suchtbelastete Familien, diverse Hilfeangebote und ihre Evaluation. Dabei wird u. a. deutlich: Die Elternschaft psychisch auffälliger Menschen (Überforderungen, Belastungen) muss stärker Bestandteil psychiatrischer Behandlungen werden. Befürchtungen der Eltern dem Jugendamt gegenüber sollten zerstreut werden, seine Unterstützungsfunktionen (neben Kontrollaufgaben) bedürfen einer größeren Aufmerksamkeit. Die Bedürfnisse und Probleme der 1,5 Millionen Kinder psychisch belasteter Kinder in der BRD (S. 23) gehören stärker in das Blickfeld der Fachöffentlichkeit. Durch die Verbesserung der Kooperation zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie könnten die hilfebedürftigen Eltern und ihre Kinder profitieren. Dabei sollte explizit an die Ressourcen der Eltern angeknüpft werden, statt vorwiegend ihre Defizite »entlarven« oder korrigieren zu wollen. Überdenkenswert sind die Empfehlungen an das Jugendamt zur Zusammenarbeit und Gesprächsführung mit den Eltern, denn im Einzelfall ist ihre Angst vor dieser Institution, »die Kinder wegnimmt« (S. 52), leider immer noch eine bedauernswerte Realität.

Die Bezugnahme auf empirische Untersuchungen, kasuistische Darstellungen und Abbildungen erhöhen die Aussagekraft des Buches. Ein weiterer Vorzug besteht darin, dass Probleme nicht nur benannt werden, sondern zugleich auf Projekte verwiesen wird, die Unterstützung für Eltern und Kinder anbieten: beispielsweise ein Naturprojekt für Kinder aus Familien mit Sucht und psychischen Erkrankungen, eine ressourcenorientierte Kunsttherapie oder eine videogestützte entwicklungspsychologische Beratung. Das kann auch als Anregung verstanden werden, noch mehr nach auf den Einzelfall abgestimmten Hilfen zu suchen. Da bisher vorwiegend die Entwicklung präventiver und intervenierender Handlungskonzepte im Mittelpunkt stand, ist künftig zwecks Qualitätssicherung der psychosozialen Dienstleistungen überdies auch ihre Evaluation bezüglich Leistungsfähigkeit, Wirkungspotential und Nachhaltigkeit unerlässlich (vgl. S. 209 ff.). Fazit: Eine Publikation, die auf eine viel zu lange tabuisierte Thematik hinweist. Vor allem Mitarbeiter der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens (Psychiatrie) können aus ihr wertvolle Handlungsorientierungen entnehmen und zur Überprüfung der eigenen beruflichen Praxis Denkanstöße nutzen.

Dr. habil. Wilhelm Topel
Leipzig


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