Diagnostik in der Jugendhilfe

Liebe Leserinnen und Leser,

Diagnostik ist der Schlüssel zu einer effektiven, effizienten und nachhaltigen Jugendhilfe. Eine differenzierte Diagnostik des Einzelfalls ist die Voraussetzung für spezifische, messbare, akzeptierte, realistische und terminierte Ziele. Ohne eine solche SMARTE Zielvereinbarung lässt sich auch nicht feststellen, welche konkrete Hilfe notwendig und geeignet ist und wie eine solche ausgestaltet werden soll. Letztlich ist eine möglichst konkrete Beschreibung der Ausgangssituation auch Grundlage für die Evaluation und Darstellung der Wirksamkeit von Hilfen.

Die Bedeutung von sozialen Diagnosen wurde bereits in den 1920er Jahren von Mary Richmond und Alice Salomon erkannt und beschrieben. Das Thema ist also wahrlich nicht neu, zudem wurde vor allem in den letzten Jahren viel dazu publiziert. Mit dieser Ausgabe der Zeitschrift Jugendhilfe wollen wir einige der Autorinnen und Autoren zu Wort kommen lassen, die den aktuellen Stand der Theorie- und Methodenentwicklung zur Diagnostik in der Jugendhilfe maßgeblich beeinflusst haben.

Den Auftakt macht Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner mit einem Überblicksbeitrag über die bisherigen und aktuellen konzeptionellen Überlegungen hinsichtlich einer Diagnostik in der Sozialen Arbeit. Dabei verdeutlicht sie die enge Verflechtung von komplexen Bedingungsfaktoren im diagnostischen Prozess und veranschaulicht diese an einem integrativen Modell für die Praxis der Jugendhilfe.

Prof. Dr. Christian Schrapper geht der Frage nach, wie verstanden werden kann, was bei einem Fall »der Fall« ist, und wie erkannt werden kann, worum es dabei geht. Unter der Überschrift »Fallverstehen und Diagnostik in der Kinder- und Jugendhilfe« beschreibt er diesbezügliche Meilensteine sozialpädagogischer Konzept- und Methodenentwicklung und stellt Eckpunkte eines Konzeptes zur praxistauglichen Integration der skizzierten Anforderungen, Wissensbestände und Methodenerfahrungen vor.

Das von Prof. Dr. Peter Pantuček vorgestellte Konzept einer Sozialen Diagnostik fokussiert nicht auf Personen, sondern auf Situationen und die Bedingungen, »unter denen eine Person ihr Leben zu führen versucht«. Dabei rückt er das Verhältnis von Individuen zu ihrer Umwelt in den Mittelpunkt und fördert ein dialogisch entwickeltes und damit adäquateres Situationsverständnis.

Unter der Prämisse, dass soziale Diagnosen sozialarbeitswissenschaftliche Befunde über einen beschriebenen, erklärten und prognostizierten sozialen Sachverhalt ermöglichen, beschreibt Prof. Dr. Kaspar Geiser zwei allgemeine diagnostische Verfahren, nämlich die W-Fragen und die Systemische Denkfigur. Durch deren Anwendung können soziale Probleme formuliert, adressatenbezogene Ressourcen benannt und die Probleme priorisiert werden.

Als ein Praxisbeispiel sozialpädagogischer Diagnostik stellen Harald Britze und Hans Hillmeier die Sozialpädagogischen Diagnose-Tabellen des Bayerischen Landesjugendamtes vor. Durch die Anwendung dieses stringenten Systems soll eine wirkungsorientierte Prozessgestaltung der Einzelfälle in den Hilfen zur Erziehung ermöglicht werden.

Der Praxisbeitrag von Carsten Krause-Leipoldt bietet einen Überblick über diagnostische Möglichkeiten und Grenzen bei Inobhutnahmen. Um eine datenbasierte Empfehlung für eine geeignete Anschlusshilfe oder die Rückführung in die Herkunftsfamilie aussprechen zu können, müssen Fragestellungen in Bezug auf die Entwicklung und Ausprägung der bestehenden Problematik, die Persönlichkeit und das Problemverhalten des jungen Menschen und seiner Bezugspersonen, die Bindungen und die Beziehungsstrukturen sowie in Bezug auf die Umgebungsvariablen beantwortet werden.

Prof. Dr. Werner Freigang geht in seinem Beitrag der Frage nach, ob und wie sich die Logik der Diagnostik mit den Handlungslogiken des Jugendhilfesystems verbinden lässt und inwieweit im Feld der Jugendhilfe eine sinnvolle Indikationsstellung überhaupt möglich ist. Dabei stellt er fest, dass aus diagnostischen Erhebungen zum Teil nur wenig verwertbare Aussagen für die Hilfeplanung und das alltägliche Handeln von und mit den Adressatinnen und Adressaten resultieren.

Hoffentlich konnten wir durch die Auswahl der Beiträge Ihr Interesse an diesem für die Jugendhilfe so wichtigen Thema gewinnen.

In diesem Sinne herzliche Grüße

Otto Knauer und Dr. Andreas Dexheimer

 

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