Jugendhilfe in Japan – Ein Blick über den deutschen Tellerrand
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
»Es soll ewiger Friede und beständige Freundschaft bestehen zwischen Seiner Majestät dem Könige von Preußen und Seiner Majestät dem Taikuhn von Japan, ihren Erben und Nachfolgern« – so lautet der erste Paragraf des 1861 geschlossenen Preußisch-Japanischen Freundschafts- und Handelsvertrages. Anderthalb Jahrhunderte ist es nun her, seit mit dessen Unterzeichnung enge bilaterale Beziehungen zwischen Deutschland und Japan begründet wurden. Schon zu Beginn dieser Freundschaft stand der Austausch von Fachkräften im Vordergrund. Mitte des 19. Jahrhunderts unterstützten beispielsweise deutsche Berater Japan in medizinischen, ingenieurwissenschaftlichen, polizeilichen und militärischen Fragen. Das zu Beginn noch einseitige Verhältnis wurde alsbald von einem beiderseitigen abgelöst. In dieser Tradition steht auch das Deutsch-Japanische Studienprogramm für Fachkräfte der Jugendhilfe, welches seit mittlerweile über 40 Jahren das Lernen voneinander ermöglicht.
Unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Wulff und des japanischen Kronprinzen Naruhito fanden im vergangenen Jahr zahlreiche Veranstaltungen rund um den 150. Jahrestag der Deutsch-Japanischen Freundschaft statt. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) führten die Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. (IJAB) und das Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin unter der fachlichen Leitung von Nauka Miura auch im Jubiläumsjahr 2011 ein Studienprogramm für Fachkräfte von freien und öffentlichen Trägern der Jugendhilfe durch.
Die Autorinnen und Autoren der Fach- und Praxisbeiträge in dieser Ausgabe der Zeitschrift »jugendhilfe« waren allesamt Teil einer deutschen Delegation, die im Herbst 2011 zahlreiche Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in Westjapan besuchte.
Die Leiterin der Fachdelegation zum Thema »Förderung benachteiligter Jugendlicher« Nauka Miura befasst sich in ihrem Fachbeitrag mit dem Aufbau und der Struktur des Deutsch-Japanischen Studienprogramms für Fachkräfte der Jugendhilfe und stellt nach einem allgemeinen Überblick über Ziele, Zielgruppen und Themenorientierung der Fachprogramme die Spezifika der Fachdelegation vor.
Elisabeth Ternyik betrachtet Jugendarbeit in Japan aus dem Blickwinkel des Lernprozessmanagements und skizziert die Bestrebungen der landesweit organisierten staatlichen Jugendarbeit, der zunehmenden Komplexität sozialen und individuellen Lebens und dem daraus resultierenden Selektionsdruck durch positiven Umgang mit Kontiguität als möglicher und präventiv ausgerichteter Bewältigungsform zu begegnen.
Der rapide Anstieg an Fällen von Kindeswohlgefährdungen in Japan wird von Matthias Kowarzik thematisiert. Er skizziert ein flächendeckendes System des Kinderschutzes, das konsequent dem Grundsatz »Kinderschutz geht vor Elternschutz« folgt. Birgit Mosis erläutert das japanische Verständnis von Jugendkriminalität. Jugendlicher Delinquenz und Devianz wird dort nicht mit Strafe, sondern mit von Respekt und Fürsorge geprägten Erziehungsmaßnahmen begegnet. Sie beschreibt am Beispiel der Jugenduntersuchungsanstalt Kanazawa den ganzheitlichen Ansatz des japanischen Jugendstrafrechts und des Jugendhilfeverfahrens.
Maneesorn Koldehofe schildert die beispielhafte und erfolgreiche Kooperation von Eltern, Schule und außerschulischen Trägern der Präfektur Osaka, die schulabsenten Kindern und Jugendlichen die Wiedereingliederung in den Schulalltag ermöglicht. Wachsende Jugendarbeitslosigkeit ist auch in Japan ein brisantes Problem. Franziska Mumm, Valérie Cohen, Birgit Mosis und Nauka Miura stellen das Konzept »Small Steps« vor, das durch Stringenz und Nachhaltigkeit im Fordern, Fördern und Begleiten individueller Entwicklung mittels passgenauer Handlungsschritte überzeugt und zur Übernahme in die eigene Arbeit einlädt.
Prävention in der Jugendhilfe ist in Japan ein fester Bestandteil alltäglichen Handelns. Katharina Hadel benennt die Hauptfaktoren für die Entstehung von Problemlagen junger Menschen und schildert die Unternehmungen des National Institution for Youth Education (NIYE), diesen durch Aktivitäts- und Erlebnisprogramme, Förderung von Vernetzung und Zusammenarbeit und Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz nachhaltig zu begegnen.
Valérie Cohen rundet mit ihrem Beitrag zum »Ungesagten« dieses Themenheft ab. Dabei greift sie viele Aspekte auf, die im Diskurs der deutschen und japanischen Fachkräfte der Jugendhilfe nur am Rande Erwähnung fanden.
Liebe Leserinnen und Leser, wir überraschen Sie in dieser Ausgabe der »jugendhilfe« mit dem Thema »Jugendhilfe in Japan – Ein Blick über den deutschen Tellerrand«. Dabei sind wir uns nicht sicher, ob die Entscheidung für ein solches weit entferntes Thema nicht auch zu Widerspruch auffordert. Wir würden uns auf jeden Fall über positive wie negative Rückmeldungen freuen.
Für uns steht jetzt schon fest, dass die deutsche Jugendhilfe ganz gewiss von Japan lernen kann. Wenn die administrative und die politische Verantwortung für alle Aspekte des formalen und nonformalen Lernens in einem (Bundes)ministerium gebündelt sind, ergibt sich tatsächlich die Chance, Kinder und Jugendliche ganzheitlich schulisch und außerschulisch zu fördern. Dies ist wahrscheinlich gerade unter dem Schlagwort der Inklusion und einer möglichen »großen Lösung« eine Anregung wert.
Dr. Andreas Dexheimer und Otto Knauer
PS: Ein herzliches Dankeschön an Yoshie Okamoto, die als Dolmetscherin die deutsche Delegation begleitet und diese Eindrücke und Erfahrungen erst ermöglicht hat!

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